Zwei Modellfamilien, zwei Sichtweisen

RNN auf Strichen oder CNN auf Bildern?

Eine Zeichnung lässt sich auf zwei Arten verstehen: als Bewegung oder als Bild. Rekurrente Netze lesen die zeitliche Folge der Stiftpunkte, CNNs betrachten die daraus gerasterte Form. Beide Wege sind gangbar, und welcher der richtige ist, hängt weniger von der Genauigkeit ab als von der Frage, die man dem Modell eigentlich stellt.

RNN / Sketch-RNN

Ein rekurrentes Netz liest eine Sequenz: Punkt für Punkt, Strich für Strich. Reihenfolge, Richtung, Stiftheben und Tempo bleiben als Information erhalten. Sketch-RNN nutzt diese Repräsentation, um Skizzen zu modellieren und neue Zeichnungen zu erzeugen.

CNN / Bildklassifikation

Ein CNN bekommt ein gerastertes Bild, in DrawLa 96 × 96 Pixel. Es lernt lokale Muster wie Kanten und Bögen und setzt sie zu Formen zusammen. Robust, schnell und passend, wenn nur eine Frage zählt: Welcher Begriff ist am wahrscheinlichsten?

Was in den Rohdaten steckt

Quick Draw liefert weit mehr, als ein Bild zeigen kann. Jede Zeichnung ist eine Folge von Zuständen, in der Trainingsvorbereitung als Vektor mit vier Merkmalen pro Punkt kodiert:

dx, dy, pen_down, pen_up      # relative Bewegung + Stiftzustand
SEQ_LEN = 256                 # auf feste Länge gepolstert

dx und dy sind relative Bewegungen, keine absoluten Koordinaten — dadurch ist die Sequenz von vornherein unabhängig davon, wo auf der Leinwand gezeichnet wurde. Aus dieser Darstellung lässt sich ablesen, in welcher Reihenfolge jemand vorgegangen ist, wo der Stift abgesetzt wurde und wie schnell sich die Hand bewegt hat.

Beim Rastern in ein Bild geht all das verloren. Übrig bleibt die Silhouette. Ob das ein Verlust oder eine Befreiung ist, ist genau die Frage, um die es hier geht.

Direkter Vergleich

Kriterium RNN-basierte Erkennung CNN-basierte Erkennung
Eingabeformat Sequenz von Stiftpunkten mit Pen-up/Pen-down-Zuständen, variabel lang. Gerastertes Graustufenbild fester Größe.
Gelerntes Signal Bewegungsrichtung, Reihenfolge, zeitlicher Aufbau, Strichstruktur. Form, Kontur, lokale Bildmuster, räumliche Anordnung.
Typische Modelle LSTM, GRU, Sequenz-Encoder, Transformer, Sketch-RNN. CNN, ResNet-artige Netze, leichte Echtzeit-Klassifikatoren.
Zeichenreihenfolge Wird gelernt — hilft, wenn sie aussagekräftig ist, schadet, wenn sie beliebig ist. Vollständig unerheblich: Kopf zuerst oder Ohren zuerst ergibt dasselbe Bild.
Live-Vorhersage Kann inkrementell weiterrechnen, nur neue Punkte verarbeiten. Rechnet jedes Mal das ganze Bild neu — bei kleinen Modellen belanglos.
Latenz Wächst mit der Sequenzlänge; lange Zeichnungen kosten mehr. Konstant, unabhängig von der Zahl der Striche.
Deployment Rekurrente Zustände erschweren Export und Quantisierung. Fester Graph, sauber nach ONNX exportierbar, gut quantisierbar.
Stärken Generative Modelle, Analyse des Zeichenprozesses, Stilfragen. Schnelle, stabile Klassifikation; einfach zu betreiben.
Schwächen Empfindlich gegenüber Sequenznormalisierung und Ausreißern. Verliert Reihenfolge, Richtung und Tempo beim Rastern.

Warum DrawLa den CNN-Weg geht

Drei Gründe gaben den Ausschlag, und der erste ist kein technischer.

Die Zeichenreihenfolge ist bei uns Rauschen, kein Signal. Im Datensatz zeichnen Menschen dieselbe Katze in völlig verschiedenen Reihenfolgen: manche beginnen mit dem Kopfumriss, manche mit den Ohren, manche mit den Augen. Ein Sequenzmodell muss lernen, diese Varianz zu ignorieren — Kapazität, die es für die eigentliche Aufgabe nicht mehr hat. Das CNN bekommt diese Invarianz geschenkt, weil sie beim Rastern einfach entsteht.

Konstante Latenz ist im Spiel wichtiger als letzte Prozente. Der Client schickt achtmal pro Sekunde den aktuellen Stand. Bei einem rekurrenten Modell würde eine ausführliche Zeichnung mit vielen Strichen länger brauchen als eine sparsame — ausgerechnet dann, wenn ohnehin die Zeit knapp wird. Das feste 96 × 96-Raster macht jede Vorhersage gleich teuer, egal ob drei oder dreißig Striche auf der Leinwand liegen.

Der Betrieb ist schlicht einfacher. Ein CNN mit fester Eingabe lässt sich als statischer Graph nach ONNX exportieren und ohne PyTorch ausliefern. Rekurrente Netze bringen Zustände über Zeitschritte mit, was Export, Quantisierung und Fehlersuche spürbar verkompliziert.

Der Preis ist echt: Das Modell kann nicht wissen, dass jemand gerade erst angefangen hat oder ob ein Strich zögerlich gesetzt wurde. Für die Frage „Was ist das?" spielt das keine Rolle. Für die Frage „Wie ist das entstanden?" wäre es der entscheidende Teil.

Wann ein RNN die bessere Wahl wäre

Der Vergleich fällt anders aus, sobald der Zeichenprozess selbst zum Gegenstand wird. Ein Modell, das selbst zeichnen soll, muss Striche erzeugen, nicht Pixel — Sketch-RNN tut genau das und wäre mit einer Bilddarstellung gar nicht formulierbar.

Ähnliches gilt für Handschrifterkennung, wo Reihenfolge und Richtung einen großen Teil der Information tragen: Ein „O" und ein im Uhrzeigersinn gezeichneter Kreis sehen als Bild identisch aus. Auch bei der Unterscheidung von Zeichenstilen oder beim Erkennen von Zögern und Korrekturen ist die Sequenz das eigentliche Signal.

Ein dritter Fall ist die frühe Vorhersage: Wer nach den ersten Millisekunden raten will, profitiert davon, dass ein rekurrentes Modell seinen Zustand fortschreibt, statt jedes Mal bei null anzufangen. Bei einem Modell unserer Größe fällt dieser Vorteil allerdings nicht ins Gewicht — die vollständige Neuberechnung kostet ohnehin nur wenige Millisekunden.

Der dritte Weg: beides

In der Forschung sind Hybride verbreitet. Ein Zweig verarbeitet die Sequenz, ein zweiter das gerasterte Bild, und ihre Repräsentationen werden vor dem Klassifikator zusammengeführt. Das nutzt beide Informationsquellen und liegt bei Vergleichsmessungen regelmäßig vorn.

Für ein Spiel lohnt sich das kaum: Man betreibt zwei Modelle, hat zwei Vorverarbeitungspfade, die konsistent bleiben müssen, und gewinnt einige Prozentpunkte in einer Anwendung, in der ohnehin die Top-5-Liste zählt. Der Aufwand steht in keinem Verhältnis — bei einer Anwendung, die Skizzen auswertet statt sie zu erraten, kann die Rechnung anders ausfallen.

Einordnung von Sketch-RNN

Sketch-RNN bleibt der wichtigste Bezugspunkt für strichbasierte Repräsentationen. Das Modell lernt nicht nur, zu welcher Klasse eine Skizze gehören könnte, sondern auch, wie plausible Strichfolgen überhaupt aussehen. Es kann eine angefangene Zeichnung fortsetzen oder zwischen zwei Skizzen interpolieren — Fähigkeiten, die ein Klassifikator prinzipiell nicht hat, weil er Formen nur bewertet und nie erzeugt.

Wie der CNN-Weg konkret aussieht, zeigt QuickDraw mit PyTorch anhand der tatsächlichen Pipeline. Die Datengrundlage erklärt der Quick-Draw-Datensatz, und die Originalarbeiten sind unter Papers & Quellen verlinkt.